Müssen wir den „Faust“ verstehen? Sind wir damit überfordert?
Können wir nicht einen Faust, so wie Goethe erdacht, auf der Bühne sehen, damit wir ihn besser verstehen?
Dies sind eindeutig die falschen Fragen…. Oder?
Kurz nach der Premiere am 28.9.18 sahen wir mit 100 Schülern der Klassenstufen 12 und 13 im Schauspiel Leipzig am 5./6. Oktober einen umstrittenen „Faust“ als riesiges Fragment: ohne Herrn, personifizierten Mephisto, ohne Helena!
Es beginnt mit dem 5. Akt, 2. Teil und verharrt ausgiebig dann „Vor dem Tor“ („Osterspaziergang“).
Faust ist Mephisto und umgekehrt. Aus „ Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, [...]
(Faust I, Vers 1112f.) werden vier (Mangel, Schuld, Not und Sorge). Kommt uns das nicht bekannt vor: Selbstentgrenzung, Überforderung (s.o.), Angst…? Und das Volk als unsere Gesellschaft (hier als Chor dargestellt) ist ständig anwesend und mischt tüchtig mit.
Enrico Lübbe stellt uns einen schwer verdaulichen Faust vor, der natürlich mit uns zu tun hat. Bühnenbild, Kostüme und Choreographie strotzen vor Ideen, halten wach, Disput fördernd, haben wenig Nachsicht mit nicht geübten Theatergängern.
Und mit dem Solo des Gretchens am Ende fällt der Vorhang – Pause.

Die Ersten verlassen das „Gefielde“. Schade! Denn dann passiert etwas Außergewöhnliches - eine Persiflage auf den alten Goethe: Wein liebend (wird sogar den Zuschauern gereicht), schon selber etwas senil und unsicher ob seiner Intention, steigen drei Goethe-Puppen-Figuren herab von ihrem Thron und offenbaren ihre Ecken und Kanten, grandios!
Dann beginnt „tourenbusweise“ die Exkursion, für mich und viele andere ins Völkerschlachtdenkmal. In der lauen Leipziger Abendluft umfangen uns farbige Ballons im „Meer der Tränen“, sächsische Interviews zum Kohleabbau im Leipziger Süden und Abhandlungen zur (Nicht-)Nutzbarkeit von Rohstoffen. Natürlich wissen wir, dass Faust zum Kolonisator wurde, bevor sein letztes Stündlein geschlagen hat... „Frau Feilhauer, was hat das jetzt mit dem ‚Faust‘ zu tun?“ „Ähm, hallo, 5. Akt, 1. Szene, angekündigt schon im retardierenden Moment, 4. Akt, Hochgebirg‘“...bla, bla, bla, oder? – logistische Herausforderungen, aber kaum nachhaltig noch deduktiv nachvollziehbar, oder? Den anderen ging es, glaube ich, etwas besser, oder?
Zurück zum Geschehen, zurück im Haus: Wir sind wieder am Anfang: 5. Akt, 2. Teil mit einem unbefriedigten, zwiespältigen Faust, der immer weiter muss und daran zugrunde geht.
Einige Schüler sind noch da, gottlob: „So Ehre denn, wem Ehre gebührt!!“ (Faust I, Chor in Walpurgisnacht). Haben Sie diesen „Faust“ verstanden oder waren Sie überfordert?

Birgit Feilhauer

 

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